Dortmund – St. Petersburg

Von alternden Stars, Youngstars mit Identitätskrise und italienischen Exportschlagern

 „Es ist eine Zumutung, hier auf dem vorsibirischen Kartoffelacker ein Championsleague Achtelfinale austragen zu lassen. Wirklich geholfen hat es auch nicht, dass wir von euch Journalisten als klarer Sieger schon im Vorfeld bestimmt worden, das hat mit objektiver Berichterstattung nichts mehr zu tun-einen scheiß Job habt ihr!“ ODER „ Das, was die Jungs hier heute unter diesen Umständen geleistet haben ist einfach Weltklasse, bei widrigen Bedingungen und trotz der Zeitumstellung so eine Leistung zu bringen, gegen diese Weltauswahl trotz all der Verletzten im Team. Das ist wirklich selten.“

Eine dieser beiden Aussagen Jürgen Klopps wird uns am 25. Februar gegen 21 Uhr deutscher Zeit von der Presse präsentiert werden, abhängig natürlich vom Ergebnis des Spiels gegen Zenit St. Petersburg. St. Petersburg. Ein russischer Verein im Achtelfinale der Championsleague? Ein dankbares Los für den Vorjahresfinalisten? Nein, nicht dankbar! Vermutlich der leichteste der Gegner für die vier(!) deutschen Teams in der Runde der letzten 16, aber nicht dankbar. Lange Reisen, gruseliges Wetter und ein unberechenbares Team! Wer meint, diese Mannschaft sollte man nicht überschätzen, möge beim Dortmunder Konkurrenten aus München den Namen Zenit fallen lassen.

Als der FC Bayern 2008 die Bundesliga mit Luca Toni und Franck Ribery dominierte, verloren sie ein Uefa-Cup Halbfinale mit 0:4; gegen genau diesen Verein.  Gerechnet hat damit auch niemand. Klar, Schnee von gestern, aber in diesem Geschäft ist auch ein 4:1 gegen Real Madrid Schnee von gestern.

Dennoch ist klar, dass Dortmund allein auf Grund der eigenen Ansprüche nicht gegen dieses Team ausscheiden darf. Außerdem wäre es kein gutes Zeichen für den modernen, ansehnlichen europäischen Spitzenfußball. Schließlich treffen in dieser Partie auch zwei Systeme aufeinander: Während Dortmund weiterhin versucht,  mit jungen, noch nicht ausgereiften Spielern schnell und direkt zu spielen, rührt Petersburgs italienischer Trainer Luciano Spaletti mit viel Geld kräftig Zement an und versucht, mit der halbitalienischen Abwehr dem Vereinsnahmen Zenit alle Ehre zu machen. Hoffen wir, dass der Catenaccio nicht noch zum Exportschlager in andere europäische Ligen wird. Dazu versammelt Spaletti vom Gaskonzern finanzierten Superstars wie Hulk, Danny oder Axel Witsel um alternde Namen wie Tymoshchuk und Arshavin. Ob man das ein Konzept nennen möchte, sei jedem selbst überlassen; es reicht jedenfalls zur geteilten Tabellenführung in Russland und zum Erreichen des Achtelfinals im weltweit renommiertesten Turnier für Vereinsfußball. Außerdem kann der langjährige Coach vom AS Rom stolz auf einen Punkteschnitt von über zwei blicken, auch wenn dessen Aussagekraft in der russischen Liga mehr als fragwürdig ist.

Ein kurzes Wort sei mir noch zum BVB gestattet: Momentan humpelt der deutsche Vizemeister wortwörtlich der Winterpause entgegen. Sie spielen zwar gewohnt kombinationsstark, lassen allerdings eine gewisse Zielstrebigkeit und Sicherheit im Defensivverhalten und Spielaufbau vermissen. Geschuldet ist dies mit Sicherheit der Verletztenmisere, auch wenn sie die momentan brutal schlechte Punkteausbeute in der Bundesliga nicht komplett entschuldigt.

Jedoch werden Hummels und Gündogan im Januar zurück erwartet. Auch mit Bender ist bis Ende Februar wieder zu rechnen. Das schmerzlich vermisste Selbstbewusstsein ist nach der momentanen Identitätskrise bis Januar hoffentlich auch wieder fit. Schließlich kommt die Borussia eingespielt und durch die Winterpause dennoch erholt nach Moskau. Ganz im Gegensatz zum russischen Gegner, der von nun an kein Pflichtspiel mehr bis zum 25. Februar hat. Somit spielt, abgesehen vom russischen Winter, alles in die Karten von Dortmund und wir können uns alle Hoffnungen machen, dass Jürgen Klopp nach dem Spiel nur noch den Journalisten, Schiedsrichtern und UEFA-Funktionären zu ihrer guten Arbeit gratuliert und gelassen den Flieger in Richtung Westen besteigt. Denn der nominell starke Kader der Russen sollte dem nominell noch stärkeren Kader der Dortmunder nicht wieder in etwaige Dramasituationen wie gegen Marseille, Malaga, Madrid,… bringen. Aussagekraft genug sollte auch haben, dass Zenit sich am letzten Spieltag von der Austria aus Wien hat mustergültig abschießen lassen. Also Dortmund: Packt’s an, wir sehen uns im Viertelfinale!

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